Wo KI auf Shanghai trifft: Shanghais Ökosystem als Standortvorteil
Auf der Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz (2026 World Artificial Intelligence Conference and High-Level Meeting on Global AI Governance, kurz: WAIC 2026) entdeckten globale Fachleute und Unternehmer eine Stadt, die darauf ausgerichtet ist, Talente der nächsten Generation willkommen zu heißen, zu vernetzen und langfristig zu fördern.
Als Bill Reichert durch die Ausstellungshallen der WAIC 2026 ging, fielen ihm sofort AR-Brillen auf, die chinesischsprachige Äußerungen in Echtzeit ins Englische übersetzten und als Untertitel anzeigten.
„Es ist, als wäre ich irgendwo anders auf der Welt, wo tatsächlich Englisch gesprochen wird“, sagte Reichert, Partner bei der US-amerikanischen Risikokapitalgesellschaft Pegasus Tech Ventures, und beschrieb das Erlebnis als einen „Wow-Moment“.
Reichert gehörte zu den Hauptrednern beim „WAIC UP! 2026 Youth Dialogue“, einer Begleitveranstaltung der WAIC 2026 und der hochrangigen Sitzung zur globalen KI-Governance. Beide Veranstaltungen fanden gemeinsam vom 17. bis 20. Juli in Shanghai statt.
Der Dialog wurde von der Abteilung für Geschäftsentwicklung der China Daily organisiert und von International Services Shanghai mitveranstaltet. Er brachte internationale Vordenker, Unternehmer und Experten zusammen, um nicht nur über die Grenzen und Möglichkeiten der KI zu diskutieren, sondern auch über die Bedingungen, die Innovation fördern. Dazu gehören der Zugang zu Talenten, Investorennetzwerken, politischer Unterstützung und alltagsnahen Dienstleistungen.
„KI wird die Welt kleiner machen und es ermöglichen, mit Menschen überall auf der Welt in jeder Sprache in Kontakt zu treten“, so Reichert.
Für Reichert, der seit 2012 regelmäßig nach China reist, lag die wahre Offenbarung jenseits der Technologie selbst. In dieser Vorführung sah er eine Metapher für das, was Shanghai bietet: einen Ort, an dem sprachliche, kulturelle und berufliche Hürden aktiv abgebaut werden.
Im Verlauf des Dialogs kamen die Teilnehmer zu einem gemeinsamen Schluss: Als Gastgeberstadt der jährlichen WAIC setzt Shanghai KI nicht einfach nur ein; es schafft vielmehr ein Umfeld, in dem globale Talente miteinander in Kontakt treten, Ideen entwickeln und erfolgreich sein können. Dies geschieht ohne die Reibungsverluste, die oft mit grenzüberschreitender Zusammenarbeit einhergehen.
KI als Wegbereiter
Gary Dvorchak, Geschäftsführer von The Blueshirt Group und Leiter des Asiengeschäfts, kam zur WAIC in der Erwartung, beeindruckende Technologie zu sehen. Die Konferenz übertraf seine Erwartungen. KI hatte in seiner Branche bereits Kosten gesenkt und Arbeitsabläufe beschleunigt. Das geschah auf eine Weise, die er nicht vorhergesehen hatte.
Was ihn jedoch wirklich beeindruckte, war die vorherrschende Haltung unter den Ausstellern, Unternehmern und Besuchern, denen er begegnete: eine Bereitschaft, zu experimentieren und neue Technologien anzunehmen.
„Hier gibt es keine Angst vor KI“, sagte er. „Jeder begrüßt sie und denkt darüber nach, wie man sie nutzen kann, um das Leben zu verbessern.“
Tong Huiqi, klinische Psychologin und Professorin für klinische Psychologie an der Stanford School of Medicine, berichtete, wie sie ein KI-gestütztes Dokumentationssystem nutzt, um sich während der Konsultationen das Notieren von Gesprächsinhalten zu ersparen.
„Meine Klienten lieben es, weil mir die KI ermöglicht, zu 100 Prozent bei ihnen zu sein“, so Tong.
Für den costa-ricanischen Dirigenten Edwin Montealegre ist KI bereits zu einem kreativen Partner geworden.
„Ich nutze KI, um Ideen zu sammeln und weiterzuentwickeln“, sagte er. „Sie verschafft mir mehr Zeit für künstlerische Inspiration, für den Austausch mit Menschen und für mich selbst.“
Shanghai als Inkubator
Doch Montealegre lobte auch Shanghais praktische Unterstützungsangebote. Als er sein Unternehmen in der Stadt gründete, stieß er auf eine bürokratische Hürde, die er allein nicht lösen konnte. Er wandte sich an International Services Shanghai, eine Plattform, die ausländische Fachkräfte und Unternehmen bei Fragen rund um Arbeit, Geschäftstätigkeit und Alltag unterstützt – und das Problem wurde umgehend gelöst.
„Das hat mir am Anfang sehr geholfen, als ich unser Unternehmen aufbaute“, sagte er.
Für Montealegre liegt Shanghais Anziehungskraft nicht nur in seiner kreativen Energie, sondern auch in der praktischen Infrastruktur, die internationale Fachkräfte unterstützt.
Dieser Eindruck wurde von Tong geteilt.
„Da ist die Schönheit, da ist die Offenheit, da ist die Romantik“, sagte sie und fügte hinzu, dass die Wärme der Stadtbewohner und das Gefühl der Verbundenheit, das sie dort fand, Shanghai besonders einladend machten.
Für Rupert Hoogewerf, Vorsitzenden von Hurun Inc., hebt sich Shanghai durch seine internationale Ausrichtung hervor. Er nannte die Universitäten der Stadt, die Investorengemeinschaft, den großen Talentpool und die etablierten Unternehmen als zentrale Säulen eines Ökosystems, in dem Startups gegründet, wachsen und expandieren können. Fördernde Maßnahmen für Rückkehrer aus dem Ausland stärkten die Attraktivität zusätzlich.
„Man spürt, dass die Regierung junge Menschen wirklich ermutigt, KI zu erforschen, zu verstehen, anzuwenden und darüber nachzudenken, wie man sie verbessern kann“, sagte er.
Die Erfahrung von Hoogewerf, der sein Unternehmen 1999 in Shanghai gründete, zeigt, dass die Stadt globale Talente nicht nur anziehen, sondern auch langfristig binden kann. „Die Möglichkeit, ein Unternehmen aufzubauen und auf einen großen Talentpool zurückzugreifen, hat mir geholfen, langfristig hier zu bleiben“, so Hoogewerf.
Mit Blick auf die Zukunft ist Hoogewerf der Ansicht, dass die Chancen im chinesischen KI-Sektor nach wie vor stark unterschätzt werden. Er beschrieb Shanghai als „eine großartige Inkubationsplattform“, auf der Talente, Kapital, etablierte Unternehmen und politische Unterstützung zusammenkommen. Auf der WAIC traf er auf Unternehmer, die Ein-Personen-Unternehmen mithilfe von KI-Tools führen, ebenso wie auf solche, die KI in traditionellen Bereichen wie der Metall- und Mineralienanalyse einsetzen.
„Es findet eine gewaltige Transformation statt“, sagte er. „Man kann KI an vielen verschiedenen Stellen anwenden.“